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21.05.2015

Tierarzt Traugott Roewer. Junge Pferde länger schonen?

Aus Sicht der Veterinärmedizin sollten junge Pferde nicht – wie derzeit üblich - so früh gefordert werden.

Stutenleistungsprüfungen im Alter von zweieinhalb Jahren, bei denen die Stuten auch schon unter dem Reiter vorgestellt werden müssen, sind ebenso wie Reitpferdeprüfungen für dreijährige Pferde nicht zu akzeptieren.

Das Ziel der Ausbildung sollten Leitungsfähigkeit, Gesundheit, ästhetische Schönheit und Spaß beim Reiten für Reiter und Pferd sein. In der klassischen Reitlehre beginnt die Arbeit mit dreieinhalbjährigen Pferden. Diese werden vorsichtig anlongiert und an das Reitergewicht gewöhnt. Jegliche Form von Zwang oder Strafe ist nicht erlaubt. Das Pferd selbst mit seinen Anlagen und natürlichen Voraussetzungen setzt den Maßstab für das Tempo und die Art der Ausbildung. Dabei wird das Pferd nicht jeden Tag geritten, sondern mehrmals in der Woche nur longiert. Früher stellte man das Pferd erstmals 4-jährig in Reitpferdeprüfungen vor. Je nach Vermögen und Charakter des Pferdes wurde das Training vorsichtig gesteigert. Dabei musste die Grundlage immer Takt, Losgelassenheit und eine weiche Anlehnung sein.

In den vergangenen Jahrzehnten war ein unglaublicher Fortschritt in der Pferdezucht zu registrieren. Das Bewegungs- und Springvermögen ist immer besser geworden. Dies erfordert vom Ausbilder sehr viel mehr Einfühlungsvermögen, um das talentierte Pferd nicht zu überfordern. Es gilt zu bedenken, dass das knöcherne Wachstum der Pferde erst mit vier bis fünf Jahren abgeschlossen ist. Aber auch die psychische Komponente spielt in der Ausbildung der Pferde eine große Rolle. Die Folgen einer zu frühen und zu starken Belastung bei jungen Pferden zeigen sich meistens erst im Laufe der weiteren Entwicklung. Besonders betroffen ist dann häufig der Rücken mit der Entwicklung verschiedener Erkrankungen der Wirbelsäule und der Rückenmuskulatur. Aber auch der Bewegungsapparat leidet unter einer unangemessenen frühen Belastung. Insbesondere die Bänder und Sehnen müssen durch kontrolliertes Training an die Belastung gewöhnt werden.

Dabei sind bewegungsstarke Pferde besonders gefährdet. Denn gerade diese hochtalentierten Pferde werden häufig viel zu früh Leistungen abverlangt, die sie maßgeblich überfordern. Die Folgen sind Veränderungen, die häufig zu rezidivierenden Lahmheiten führen, deren Behandlung und Therapie schwierig und langwierig ist. Diese Überlastungsreaktionen am Bewegungsapparat zeigen sich häufig auch erst mit zunehmenden Alter. Verschleißerkrankungen führen häufig zum Ausscheiden aus dem Turnier- und Reitsport. Nun sollen Tierärzte und andere Therapeuten die Folgen der falschen und oft zu schnellen Ausbildung „reparieren“. Woran zuletzt gedacht wird ist, dass fehlerhaftes Ausbilden und falsches Reiten als Ursache vieler Probleme in Betracht zu ziehen sind. Hier wäre Vorbeugen tatsächlich effektiver gewesen als der Heilungsversuch.

Die Lösung ist demnach einfach: eine langsamere, am Pferd orientierte und fundierte Ausbildung. Leider führen die Jagd nach Erfolg und Anerkennung, Ungeduld, Spektakel, falsche Vorbilder (TV, große Turniere, etc.) und finanzielle Anreize oft zu einer verfrühten und zu schnellen Ausbildung. Ändern können das nur die Reiter und Pferdebesitzer selbst. Sie könnten beispielsweise in ihren Verbänden darauf hinwirken, dass z.B. ein Stutentest einer zweieinhalbjährigen Stute ohne eine Vorstellung unter dem Reiter nötig ist. Es sollte doch einem Pferdefachmann möglich sein, eine Stute auch ohne Reiter in den Grundgangarten und über dem Sprung zu beurteilen.

Tierärztliche Klinik für Pferde Bockhorn.



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